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„Hybridmodell“ zur Vorbereitung auf die Fußball-WM

Im Juni startet die Fußballweltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko. Typische für alle großen Turniere: Der WM-Kader besteht aus Spielern, die sonst in unterschiedlichen Systemen und Kulturen spielen. Wie gelingt es, aus diesen Individuen in kurzer Zeit eine funktionierende Einheit zu formen? Prof. Dr. Mathias Kolodziej, Experte für Trainingswissenschaften an der HMU Health and Medical University in Düsseldorf, gibt Antworten.

Prof. Dr. Mathias Kolodziej ist Head of Performance beim BVB und hat eine Professur für Trainingswissenschaften an der HMU in Düsseldorf (Foto: BVB)

Herr Prof. Kolodziej, als Bundestrainer arbeitet Julian Nagelsmann nur in Länderspielphasen mit der Mannschaft zusammen. Was sind – grob zusammengefasst – die Herausforderungen seines Jobs?

Aus trainingswissenschaftlicher Sicht besteht die zentrale Herausforderung für einen Bundestrainer darin, Performance und begrenzte Zeitfenster in Einklang zu bringen. Er arbeitet mit Spielern, die in ihren Vereinen unterschiedliche Trainingsphilosophien, Belastungsprofile und Spielsysteme gewohnt sind – und muss daraus in wenigen Tagen einen halbwegs einheitlichen Belastungs- und Trainingsrhythmus formen. Er hat dafür im Grunde keine klassische Vorbereitungsphase, in der man systematisch über Wochen Belastung steigern, Schwerpunkte setzen und anschließend wieder reduzieren kann. Stattdessen muss er in sehr kurzen Zyklen entscheiden:

  • Wer braucht wieviel Belastung, wer braucht Regeneration?
  • Wo setzen wir taktische Schwerpunkte, ohne die Spieler zu überbelasten?
  • Wie integrieren wir Monitoring-Daten in die tägliche Trainingsplanung?

Hinzu kommt: Jede Einheit muss mehrdimensional funktionieren – sie soll taktische Inhalte vermitteln, technische Qualität sichern, aber gleichzeitig die physische und mentale Frische erhalten. Das ist aus trainingswissenschaftlicher Sicht eine extrem komplexe Steuerungsaufgabe.

Die Spieler kommen zum Teil mit unterschiedlichen Belastungen aus der Vereinssaison zur WM. Welche Auswirkungen hat diese Heterogenität auf die kurze gemeinsame Trainingsphase?

Diese heterogene Ausgangslage führt zu einer hochgradigen Individualisierung in der Nationalmannschaft. Manche Spieler kommen mit sehr hoher Spielbelastung, vielleicht frisch aus einem Champions-League-Finale, andere hatten Verletzungspausen oder weniger Einsatzzeiten. Das bedeutet: Man hat kein einheitliches physisches Ausgangsniveau. Deshalb wird zu Beginn wahrscheinlich sehr genau individuell erfasst, wie der aktuelle Belastungszustand ist, wie hoch die vorangegangene Match- und Trainingsbelastung war und wie sich der Spieler subjektiv fühlt. Auf dieser Basis werden dann unterschiedliche Belastungsstufen im Training geplant:

  • Spieler mit hoher Vorbelastung erhalten zunächst eher regenerativ geprägte Inhalte, kürzere und weniger intensive Einheiten.
  • Spieler mit geringerer Spielpraxis brauchen eher aufbauende, aber dosierte Belastungsreize, um auf Wettkampfniveau zu kommen.

Die Athletik- und Fitnesstrainer der Nationalmannschaft, Nicklas Dietrich und Krunoslav Banovcic, machen diesbezüglich einen hervorragenden Job, denn trotz Individualisierung müssen sie genügend gemeinsame Trainingszeit schaffen, um gruppentaktische Abläufe einzuüben. Trainingswissenschaftlich ist das eine Art Hybridmodell: individuelle Belastungssteuerung innerhalb eines kollektiven Trainingsrahmens.

Wie wichtig ist Regeneration bei einem Turnier wie der WM – und wo liegen die Grenzen zwischen sinnvollem Training und kontraproduktiver Mehrbelastung?

In einem Turnier mit Spielen alle drei bis vier Tage ist aus trainingswissenschaftlicher Perspektive Regeneration der dominante Trainingsinhalt für Spieler mit viel Einsatzzeit. Klassische Periodisierungsmodelle, bei denen man über Wochen Belastung aufbaut, lassen sich in dieser Dichte kaum anwenden, vor allem nicht unter den zusätzlich extemen klimatischen Bedingungen vor Ort.

Während einer WM sollte der trainingswissenschaftliche Fokus darauf liegen, die Leistungsfähigkeit zu stabilisieren, Erholungsprozesse zügig einzuleiten und das Verletzungsrisiko zu minimieren.

Starke neue Trainingsreize, etwa sehr intensive Intervallformen oder hohe Umfänge, würden ihre positive Wirkung erst zeitversetzt entfalten – wenn das Turnier weit fortgeschritten oder sogar schon beendet ist. Trainingswissenschaftlich gesehen wäre das ineffizient. Die Grenze zur kontraproduktiven Mehrbelastung ist erreicht, wenn das leistungsrelevante Kosten-Nutzen-Verhältnis nicht mehr stimmt und die Spieler körperlich müde wirken.

Deshalb sollte das Training geprägt sein von kurzen, fokussierten Einheiten mit klarer Zielsetzung, kombiniert mit konsequenter Regeneration: Schlaf, Ernährung, Kälte- und Wärme-Anwendungen, aktive Erholung und individuelle Nachsteuerung. Mehr Training ist im Turnierverlauf nicht automatisch mehr Leistung – aus trainingswissenschaftlicher Sicht geht es in erster Linie darum, dass jeder Spieler zu jedem Zeitpunkt im Turnier seine maximale Performance auf den Platz bringt.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Prof. Kolodziej.


Ab Oktober 2026 stehen an der HMU in Düsseldorf NC-freie sportwissenschaftliche Studiengänge zur Auswahl: der Bachelor Sportwissenschaften (B.Sc.) und der Master Sportwissenschaften Athletiktrainer:in im Fußball (M.Sc.).