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Wie wir die Welt wahrnehmen

Wie misst man Aufmerksamkeit? Und wie beeinflussen innere und äußere Reize unser Verhalten? Mit diesen grundlegenden Fragen beschäftigt sich Prof. Dr. Christian Poth. Er lehrt Allgemeine Psychologie am Düsseldorfer HMU-Campus und untersucht seit vielen Jahren die neurokognitiven Hirnmechanismen, die unserer Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Handlungssteuerung zugrunde liegen.

Prof. Dr. Christian Poth lehrt Allgemeine Psychologie an der HMU in Düsseldorf (Foto: Silke Fortmann)

„Während sich die Differenzielle Psychologie auf menschliche Unterschiede fokussiert, geht es in der Allgemeinen Psychologie um das, was alle Menschen teilen. Also grob zusammengefasst um die Frage, wie Geist und Gehirn funktionieren“, beschreibt er sein Fachgebiet. Als eine der ältesten Disziplinen innerhalb der Psychologie wolle die Allgemeine Psychologie die Gesetzmäßigkeiten verstehen, die menschliches Erleben und Verhalten steuern, so der Wissenschaftler. „Dieser naturwissenschaftliche Ansatz der Psychologie, sich systematisch ein Feld zu erschließen, hat mich schon früh begeistert.“

Wer lenkt unser Handeln?

Für seine Forschung untersucht Christian Poth den Einfluss kurzfristiger mentaler Erregungs- und Entspannungszustände auf unsere Wahrnehmung und unser Verhalten: „Ich messe keine Hirnaktivitäten, sondern arbeite überwiegend mit experimentellen Methoden des Verhaltens, zum Beispiel mit Hilfe von Eye-Tracking. Auf diese Weise will ich allgemeine Prinzipien herleiten, die beschreiben, wie Reize, Aufgaben und Ziele unsere Aufmerksamkeit beeinflussen und dadurch zu Verhaltensänderungen führen.“

Kurzfristige Wahrnehmungsschwankungen haben besonders bei Entscheidungen, die unter Zeitdruck gefällt werden müssen, eine hohe Relevanz. „Welche Einflussgrößen sind dann bestimmend? Sind wir in der Lage, rein intentional zu handeln, oder wird unser Handeln durch die Umgebung bestimmt? Ziel unserer Forschung ist, Maße für Prozesse zu entwickeln, die in solchen Situationen zum Tragen kommen. Der nächste Schritt ist die Entwicklung aussagekräftiger Modelle für gesamte Verarbeitungsprozesse im Bereich der Wahrnehmung und Handlung.“

Tausende Versuchsdurchgänge

In seinen Experimenten testet der Forscher teilweise nur eine Handvoll Versuchspersonen, dafür aber mit mehreren tausend Durchgängen. „Wir messen ja immer nur sehr kurze Zeitabschnitte; messbare Wahrnehmungsprozesse laufen in wenigen Hundert Millisekunden ab“, beschreibt Christian Poth. Mit seiner Forschung möchte er dazu beitragen, Messmethoden zu entwickeln, die potenzielle Beeinträchtigungen aufdecken und für die Rehabilitation und perspektivisch auch im Rahmen von Psychotherapie genutzt werden können. „Hierfür ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Allgemeiner Psychologie mit der Neuropsychologie, der klinischen Psychologie und auch mit der Medizin essenziell.“

Seinen Studierenden gibt der HMU-Professor umfassende Kenntnisse zu experimentellen Methoden mit auf den Weg. „Die Allgemeine Psychologie ist ein Grundbaustein des Psychologiestudiums. Experimente zur Wahrnehmung und Kognition sind ihr Kern. Nicht ohne Grund heißt diese Teildisziplin im Englischen experimental psychology.“ Auch in der Psychotherapie sei dieses Wissen von großer Bedeutung, betont er, denn jeder Therapeut und jede Therapeutin müsse in der Lage sein, die Wirkung einer Intervention zu messen und zu erkennen.

Psychophysik als Fundament

Doch, um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Wie misst man Aufmerksamkeit? Christian Poth: „Die Kapazität der visuellen Wahrnehmung kann man messen, indem man kurzzeitige Reize verschieden lange zeigt und danach durch ein Muster überschreibt. Anschließend wertet man aus, wie stark die Wahrnehmungsleistung mit steigender Reizdauer zunimmt und berechnet hieraus die Wahrnehmungsgeschwindigkeit in Objekten pro Sekunde. Wie gut wichtiges von unwichtigem für die Wahrnehmung unterschieden werden kann – selektive Aufmerksamkeit – lässt sich dadurch erfassen, indem man misst, wie Ablenkreize die Wahrnehmungsgeschwindigkeit senken.“ Diese experimentelle Herangehensweise gehe zurück auf die Psychophysik, die im 19. Jahrhundert begründet wurde, so der Professor. „Bis heute ist die Messung der Schwelle zwischen physikalischem Reiz und Wahrnehmung hochaktuell.“


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